Die evolutionäre Kommunikationsform des Hundes schreitet auf verbaler Ebene voran. Ganz offensichtlich muss der Hund hierbei dem Menschen, der auf visuellen, olfaktorischen, taktiken, proxemischen, ja sogar akustischen Mitteilungen nicht der hellste Stern auf diesem Planeten ist, etwas entgegenkommen. Die artikulierten Laute in Worte zu formen, bleibt nur eine Frage der Zeit.
Hierzu einige Beispiele aus dem Repertoire unserer Brumzessin:
Das Klappern der Kochtöpfe sowie das laufende Mahlwerk der Kaffeemaschine ruft unsere Kiri in Lichtgeschwindigkeit in die Küche. Nun wählt sie eine zentrale, für ihren Gesprächspartner unübersehbare zugewandte Position. Um ihre Stimme optimal zu entfalten, streckt sie den Kehlkopf nach oben. Aus den rund geformten Lippen entweicht nun ein: „Ohweiohwei“. Die Paraverbalität dieser Botschaft deutet auf einen Jammer, der auf großen Kaffeedurst oder Heisshunger schließen lässt.
Abgasen vorbeifahrender Fahrzeuge, stark parfümierten Personen oder Zigarettenrauch begegnet sie mit einem heißerem, seitlich weggeschnaubten „Was“. Der Klang moralischer Entrüstung kann hierbei kein Zufall sein.
Für ihr gesungenes Begrüßungs- „Huhuuu“ benutzt sie das Haupt wie ein Megaphon der Freude, hin- und herschwenkend, um alle Empfänger darin einzuschalten.
Das rollende „u“, die evolutionäre Vorstufe eines gesprochenen „du“, stupst und schiebt sie von unten heraus demjenigen zu, der prädestiniert ist, ihr etwas Leckeres zukommen zu lassen und von selber nicht darauf kommt.
Neben der akustischen Konversation liegt die Königin der Übertragung von Informationen jedoch in ihren Augen. Sie beherrscht Blicke, die energie- und zeitsparend den angesagten Komplex ihres Innenlebens preisgeben. So lässt sie uns teilhaben, ob der Schuh drückt, der Schalk im Nacken sitzt, die wilde Hilde ausbricht, Hirnwindungen bemüht werden oder im inneren Snoezelen-Raum das Schild „Bitte nicht stören!“ rausgehängt wurde. „Puppy Dog Eyes“ beim Schnorren? Niemals! Eine Führungspersönlichkeit signalisiert mit festem Blick, dass eine direkte Handlung des Gegenübers erwartet wird.
Der strategische zielgerichtete Einsatz ihrer Ausdrucksformen, lässt darauf schließen, dass sie nicht nur einfach faul in die Gegend stierend herumliegt, sondern durch intensive Studien ihrer Umwelt, abends sehr ermüdet ist.
So kam uns das Seminar „Hunde Kommunikation – Dein Hund & Du – gemeinsam wachsen“ doch gerade recht.
Im idyllischen Orlatal, eingebettet zwischen Pferdekoppeln, unter einem Baum vor einem Teich, sitzen gemütlich interessierte Hundemenschen und lauschen den Worten des Seminarleiters, der die stille, nicht selten missverstandene Sprache der Hunde beleuchtet. Denn für ein faires Miteinander kann es nur vom Vorteil sein, dass ich es richtig deuten lerne, wenn meine arktische Tundra-Brumzessin in ihrem Hunde-„Iñupiaq“ etwas zu sagen hat.
Unsere impulskontrollierte Aufmerksamkeit ist selbstverständlich und trotz der imposanten Welt der Pferde mit ihren anmutigen Bewegungen und Gerüchen, ebenso wie das rauschende Terra der Entenpärchen-Einflugschneise und die unerschrockene Neugier der ansässigen Katzenfamilie, im Hauptmerk auf die Ausführungen des Kursleiters Daniel gerichtet.
Mein Sitznachbar Sami, zeigt mir, mit seinem zu mir gewandten großen runden Augen, entspannter Lefzen, leicht geöffnetem Fang aus dem die Zunge blitzt, lockeren seitlich angelegten Labrador-Retriever-Hängeohren und mittelhoch schwingend kreisender Rute, die seinen ganzen hinteren Körper wackeln lässt, indem er in den Knien leicht abgeduckt und mit nach oben gerecktem Kopf auf mich zusteuert, dass er sehr erfreut ist, uns hier zu sehen. Wie man meiner Ausführung entnimmt, habe ich aufgepasst. Hehe!
Nachdem sich die Aufregung gelegt hat und die Kursteilnehmer schon eine ganze Weile im Gespräch sind – es ging glaube gerade um das Gesamtdisplay des Hundes, einzelne Signale nicht isoliert zu betrachten, um das Verhalten zu verstehen – hat auch Sami eine Frage. Allerdings an sein Frauchen. Er setzt sich vor sie auf und blickt ihr in die Augen: „Können wir jetzt gehen?“ telepathiert er ihr. Indem Frauchen sich weder aus dem Stuhl erhebt noch den Blick vom Flipchart abwendet signalisiert sie: „Wir bleiben.“ „Ok.“ Schnell überredet begibt sich Sami zurück in den Zustand der Gelassenheit und Muskelentspannung.
Ein wenig später, es ging um die vier Fs in Stress-, Angst- oder Bedrohungssituationen, packt Samis Frauchen eine Banane aus. Dieser Snack wird im Team Sami gerecht geteilt. Nachdem der arglose goldbraune Jüngling seine Portion genussvoll verschlungen hat, bemerkt er, dass einige witternde Nasen, Augenpaare und schluckende Kehlen auf ihn gerichtet sind. Eine etwas unangenehme Situation. Sein Blick wendet sich ab. Gespielt unbeteiligt schaut er hinüber zu den Wiesen, die zu einen herrlichen Bach führen, an dessen Ufer er sich jetzt mit Frauchen in trauter Zweisamkeit ohne Konflikte erfrischen könnte. Obendrein richtet sich nun auch noch die geballte analysierende Aufmerksamkeit der Zweibeiner auf ihn. Seine Stress-Speichelproduktion wurde bemerkt und ausgewertet. Zum Glück ist Sami-Frauchen der optimalen haptischen Streichelkunst, die den Puls senkt, den Blutdruck reguliert, die Stresshormone abbaut, die Augenlider schwer macht und die Gesichtszüge entgleisen lässt, so gut begnadet, dass selbst die Zuschauer vom Oxytocin nicht verschont bleiben.
Außerdem fordert das Entenpaar, welches beschlossen hat einen geräuschvollen Ortswechsel vorzunehmen, die instinktive Handlungsbereitschaft aller Vierbeiner, was wiederum die Zuwendung der Zweibeiner nach sich zieht. Und just, gibt die Vorhersehung des Flipcharts Informationen zur Jagdkette preis.
Kurzum… HundsKompetenZen sprengte wieder einmal die Wissensgrenzen des Hundehorizontes und sorgte für reichliche Aha-Momente. Auch möchten wir uns bei der Orlatal Ranch für die herzliche Gastfreundlichkeit und den Kuchen bedanken. Lecker!
Unheimlich gern empfehle ich solche Kurse, denen, die ein Schwanzwedeln einzig als Ausdruck der Freude; den Bauch zeigen, als Aufforderung zum Streicheln; das Hinlegen mit Sichtkontakt zu anderen Hunden als freundliches Kennenlernmanöver interpretieren.
(c) 2026 Anja Ziegenbein
